Montessori-Pädagogik: Montessori im Kindergarten

In der Tradition der ersten, 1907 in Rom gegründeten „casa dei bambini“ werden die Montessori-Kindergärten auch heute noch „Kinderhaus“ genannt. In einer warmen und freundlichen Atmosphäre gibt die Lernumgebung zahlreiche Anreize mit Einladungscharakter. Damit soll gewährleistet werden, dass die Kinder ihren jeweiligen Bedürfnissen und Interessen entsprechend genügend Möglichkeiten vorfinden, um selbst tätig zu werden. Die Erzieher sorgen für diese vorbereitete Umgebung, indem sie Spielecken, Lernmaterialien, Kreativ- und Ruhezonen so einrichten und kombinieren, dass jedes Kind eine bewusste Wahl gemäß seiner jeweiligen sensiblen Phase treffen und möglichst ungestört arbeiten kann.

Auch im Kinderhaus findet ein strukturierter Tagesablauf statt. Neben gemeinschaftlichen Aktivitäten, dem Fantasiespiel in der Puppen- und Bauecke, den musischen Aktivitäten wie Singen, Tanzen, Basteln und Malen sowie dem Toben im Freien nimmt jedoch das Freispiel eine zentrale Rolle ein. Hier spiegelt sich die Montessori-Pädagogik am ausgeprägtesten wider. Das Kind befindet sich in der von der Erzieherin sorgsam vorbereiteten Umgebung, und wählt sein Spiel bzw. Material immer selber aus. Montessori unterscheidet im Kinderhaus zwischen den „Übungen des täglichen Lebens“, dem „Sinnesmaterial“ und den „Übungen der Stille“.

Die „Übungen des täglichen Lebens“ greifen das kindliche Interesse an Bewegung und aktiver Nachahmung der Erwachsenen auf und ermöglichen es ihnen, alltägliche Vorgänge zu erlernen, die Kindern normalerweise unter dem Hinweis „dafür bist Du zu klein“ vorenthalten werden: es dürfen Kerzen angezündet und wieder gelöscht werden, es darf beliebig oft Wasser aus einem Krug in kleinere Gefäße umgeschüttet werden, es werden verschiedene Verschlusstechniken wie Schleifen, Knöpfe, Schnallen, Haken und Reißverschlüsse erprobt, es wird Messinggeschirr mit Reinigungsflüssigkeit poliert und der Tisch zu den Mahlzeiten gedeckt – aber nicht mit Plastik-, sondern mit zerbrechlichem Keramikgeschirr.

Worauf es bei diesen Übungen ankommt, ist nicht die Fehlerfreiheit oder dass z.B. kein Wasser beim Umschütten überschwappt. Vielmehr erhalten die Kinder den Freiraum, eine für Erwachsene banale, für Kinder aber komplizierte Handlung beliebig oft zu üben und so ihre Fertigkeiten langsam, aber stetig zu verbessern. Geht dabei etwas schief und landet z.B. ein Teil des Wassers nicht im Glas, sondern daneben, sorgt das Kind selber für die Wiederherstellung der Ordnung (hier: der nasse Tisch wird aufgewischt), ebenso wie es die benutzten Materialien wieder an den dafür vorgesehenen Platz zurückräumt. Die Übungen des praktischen Lebens dienen übrigens nicht nur der motorischen Entwicklung und der Konzentrationsfähigkeit, sondern sie ermöglichen dem Kind auch ein Stück mehr Eigenverantwortung und Unabhängigkeit.

Auch das „Sinnesmaterial“ vereint gleich mehrere Facetten des kindlichen Lernprozesses. Im Zentrum steht das Bedürfnis der Kinder nach Herstellung einer Ordnung, gleichzeitig aber werden aber auch die Sinne angesprochen und geschult, beispielsweise mit Farbtäfelchen in unterschiedlichen Schattierungen einer Farbe, die von hell bis dunkel sortiert und ausgelegt werden. Die Kinder folgen ihrem natürlichen Ordnungssinn und lernen gleichzeitig zu vergleichen, abzustufen und die einzelnen Täfelchen in eine Beziehung zueinander setzen.

Ähnliches gilt für die weiteren Sinnesmaterialien: ob „rosa Turm“, „braune Treppe“, „Glockentisch“ oder „Einsatzzylinder“ – für alle gilt gleichermaßen der starke Aufforderungscharakter, das „in die Reihe bringen wollen“ auf der Basis bestimmter Materialeigenschaften, die wiederum in eine Beziehung zueinander gesetzt werden müssen (hell-dunkel, schwer-leicht, groß-klein, hoch-tief). Die Isolierung jeweils einer Eigenschaft je Material – also entweder Farbe oder Form, Geruch, Gewicht, Temperatur, Klang oder Oberflächenstruktur - ist bewusst so vorgesehen, um das Interesse des Kindes auf nur ein Merkmal zu konzentrieren.

Auch hier gibt die Erzieherin eine Einführung, zieht sich dann aber zurück und beobachtet das Kind aus der Ferne bei seinem Tun. Beim Sinnesmaterial hat das Kind stets die Möglichkeit der Fehlerkontrolle.

Ein charakteristisches Kennzeichen der Arbeit im Montessori-Kinderhaus sind die „Übungen der Stille“. Sie dienen ausdrücklich nicht dazu, Ruhe in eine unruhige Gruppe zu bringen, sondern sie werden dann angewendet, wenn sich die Kinder bereits in einem Zustand der inneren Ordnung befinden und sie bereitwillig an einer Konzentrations- und Stilleübung teilnehmen. Diese besteht darin, bequem und möglichst still zu sitzen, sich zu sammeln und zunächst aufmerksam den Umweltgeräuschen zu lauschen: Ticken einer Uhr, Vogelgezwitscher, Stimmen etc. Eine leichte Verdunklung des Raums erleichtert dabei die Wahrnehmung der Geräuschkulisse. Nach diesem Einstieg kann die Übung z.B. so fortgeführt werden, dass die Erzieherin nach und nach leise die Namen der Kinder flüstert, diese nacheinander möglichst geräuschlos von ihrem Platz aufstehen, sich durch den Raum zu ihr hinbewegen und ggf. eine kleine Aufgabe erfüllen – natürlich immer leise und konzentriert.

Auch mathematische und sprachliche Materialien sind Teil der Arbeit im Kinderhaus. Dabei geht es um Übungen, welche die Feinmotorik als Vorstufe zum Schreiben verstärken, eine Verbindung von Form und Laut herstellen und die Auge-Hand-Koordination verbessern (sprachliche Materialien) bzw. Zahlenräume bis 9000 erschließen helfen, Zahlenfolgen einüben und geometrische Formen vermitteln (mathematische Materialien).