Montessori-Pädagogik: Montessori in der Grundschule

Allgemein gilt: eine Zertifizierung oder eine sonstige verbindliche Festlegung der zuständigen Verbände, die vorschreibt, wie eine Montessori-Grundschule ihr pädagogisches Konzept zu gestalten hat, gibt es so nicht. Jede Schule versucht vielmehr, die für sie beste Kombination aller bekannten pädagogischen Komponenten zu finden und in Einklang zu bringen. Die wichtigsten allgemeingültigen Prinzipien lassen sich jedoch wie folgt zusammenfassen:

  • Oberstes Gebot: die kindliche Freude am Lernen, die Lust am Neuen, am Ausprobieren, am Nachmachen soll bewahrt und gepflegt werden.
  • Die Kinder sollen die Möglichkeit erhalten, aus eigenem Antrieb heraus tätig zu werden und ihren natürlichen Wissensdurst ausleben zu können, denn nur so können sie ihren inneren Bauplan verwirklichen.
  • Die Schule soll sich auf die Bedürfnisse der Kinder einstellen, nicht das Kind wird der Schule angepasst.
  • Die Lernumgebung soll sorgfältig von den Lehrern so präpariert werden, dass jedes Kind seiner jeweiligen sensiblen Phase gerecht werden kann und entsprechendes Lernmaterial vorfindet. Das heißt im Umkehrschluss:
  • Das Kind wählt seine Arbeit und das Material in der Freiarbeit selber aus
  • Es entscheidet eigenständig, ob es alleine oder im Team arbeiten möchte und wie lange es sich mit einer Arbeit beschäftigen möchte.
  • Durch diese Form der freien Wahl können Arbeitstempo und Lernniveau so weit differenziert und individuell gehandhabt werden, dass verschiedene Jahrgänge problemlos miteinander vermischt werden können, ohne dass das einzelne Kind zu kurz kommt.

Das Herzstück einer jeden Montessori-Schule ist unzweifelhaft die Freiarbeit, weswegen dieser Teil klar den Schwerpunkt im Tagesablauf bilden und ca. 60-70 % der Zeit für sich beanspruchen sollte. Durch die Berücksichtigung der oben beschriebenen Aspekte sind sowohl Motivation und Lernfortschritte, aber auch die innere Zufriedenheit der Kinder weitaus größer als in einem System, in dem der Stundenplan festgelegt ist und für alle dasselbe Lernniveau gilt, kurzum: wo die Kinder entgegen ihren sensiblen Phasen, oftmals im falschen Tempo und auf dem für sie falschen Lernniveau arbeiten müssen. In einem solchen System entstehen Frust und Versagensängste, sobald man für einen vorgegebenen Lernschritt mehr Zeit benötigt als der Rest der Klasse, der das Tempo vorgibt.

Natürlich bedeutet Freiarbeit nicht, dass ohne Regeln und ohne festen Rahmen gelernt wird. Denn mit der Wahl des Materials verpflichtet sich das Kind getreu dem Motto „Freiheit und Bindung“ dazu, die ausgewählte Arbeit stets zu beenden, notfalls auch am nächsten Tag.

So wesentlich die Freiarbeit in der Montessori-Pädagogik ist, so abhängig ist sie vom didaktischen Material. Die „Montessori-Materialien“ wurden von ihrer Erfinderin so konzipiert, dass sie die Prinzipien ihres pädagogischen Gesamtkonzepts widerspiegeln (= die freie Arbeitswahl respektiert die sensiblen Phasen, dadurch wird eine Polarisation der Aufmerksamkeit ermöglicht und infolge dessen erlangt das Kind die Möglichkeit, sich in größtmöglicher Unabhängigkeit vom Erwachsenen als komplexe Persönlichkeit zu entwickeln). Und obwohl es eine reichhaltige Auswahl an verschiedenen Lernmaterialien gibt, haben sie mehrere Merkmale gemeinsam:

  • Das Kind kann im Prinzip alleine damit arbeiten.
  • Die Materialien haben einen starken Aufforderungscharakter, wecken Neugier und üben eine regelrechte Faszination aus.
  • Sie beziehen sich aufeinander und bauen aufeinander auf.
  • Ganz wichtig: sie isolieren einen einzigen Lernschritt, damit sich das Kind auf einen Aspekt konzentrieren kann und somit auch schnell ein Erfolgserlebnis hat.
  • Es ist eine Fehlerkontrolle eingebaut, so dass das Kind seine Arbeit selber überprüfen kann, ohne vom Lehrer korrigiert zu werden.
  • Jedes Material ist nur einmal vorhanden, um es wertvoll und interessant zu halten und Teamarbeit zu ermöglichen.
  • Alle Materialien haben einen festen Platz im Regal, um dem kindlichen Ordnungssinn gerecht zu werden und damit die Kinder nicht durch die Suche nach einem bestimmten Material von ihrer Konzentration abgelenkt werden.

Die Einführung in die Handhabung des Materials erfolgt durch die Lehrerin, die dies stets mit möglichst wenigen Worten tun wird, da nicht ihre Erklärungen, sondern das Material selber für sich sprechen sollte.

Das „Erfolgsgeheimnis“ der Montessori-Materialien liegt wohl darin, dass es in der Lage ist, abstrakte Lerninhalte zu veranschaulichen, sie mit den Sinnen be-greifbar zu machen, ihnen verschiedene Dimensionen zu geben und auf diesem Wege einfach verständlicher zu machen. Vor allem in der Mathematik gelingt es Montessori, abstrakte Größen, Zahlenräume und Gesetzmäßigkeiten gegenständlich vor Augen zu führen und mathematisches Verständnis von Grund auf aufzubauen. Dadurch sind Montessori-Schüler sehr oft dem Lehrplan voraus: Bruchrechnen, Wurzelziehen und binomische Formeln erarbeiten sie sich schon in der Grundschule – und zwar mit Neugier und Spaß.

Entgegen der landläufigen Meinung besteht der Stundenplan an Montessori-Grundschulen natürlich nicht nur aus Freiarbeit. In der Regel beginnt der Tagesablauf mit einem offenen Beginn, d.h. die Kinder kommen innerhalb einer Art Gleitzeit in Ruhe und entspannt in die Schule, wo sie sofort mit der Freiarbeit starten können. Hierfür sind stets mehrere Unterrichtsstunden reserviert, z.B. 3 x 45 Minuten. Die Stimmung soll ruhig und konzentriert sein, der Klassenraum soll „Wohlfühlatmosphäre“ ausstrahlen. Durch die Jahrgangsmischung arbeiten jüngere und ältere Schüler zusammen, tauschen sich aus, helfen sich, was von den Kindern als familiäre, geschwisterähnliche Situation wahrgenommen wird. Nach der Pause folgt der Fach- bzw. Ergänzungsunterricht. Dieser Ergänzungsunterricht hat den Sinn, diejenigen Bereiche abzudecken, die in der Freiarbeit nicht optimal behandelt werden können, weil z.B. die individuelle Arbeitsform nicht die richtige ist oder die Inhalte nicht allein durch die Materialien erarbeitet werden können. Viele Montessori-Schulen wählen hierfür die jahrgangsbezogene Unterrichtsform, andere belassen es bei einer Jahrgangsmischung (entweder Jahrgang 1 bis 4 oder 1/2 und 3/4). In jedem Fall aber dient der Ergänzungs-/Fachunterricht auch der Vorbereitung der Kinder auf die weiterführenden Regelschulen.