Vorurteil und Wahrheit

Obwohl Montessori-Einrichtungen in Deutschland sehr verbreitet und seit Generationen etabliert sind, kursieren doch immer noch zahlreiche Fehlinformationen und Vorurteile über die praktische Umsetzung der Montessori-Pädagogik in Kinderhäusern und Schulen.

Im Folgenden sollen die gängigsten Vorurteile aufgegriffen und richtig gestellt werden.



Vorurteil 1: „In Montessori-Schulen gibt es keine Benotung, keine Klassenarbeiten, keine Hausaufgaben“

Ein klassisches Vorurteil, das die Besorgnis von Eltern zum Ausdruck bringt, die Wert darauf legen, den Lernfortschritt ihrer Kinder im Blick zu behalten und regelmäßig nachvollziehen zu können. Dazu ist zu sagen, dass Montessori-Lehrer den Lernstand der Kinder sehr gewissenhaft beobachten und auch dokumentieren, so dass Eltern über die Fortschritte ihres Kindes immer eine fundierte Auskunft erwarten können.

Dennoch werden an Montessori-Schulen unter städtischer Trägerschaft im Prinzip dieselben Kontrollmechanismen angewendet werden wie an Regelschulen. Hausaufgaben und Zeugnisbenotung werden - vielleicht mit Abweichungen - ähnlich gehandhabt. Klassenarbeiten hingegen, die auf ein einheitliches Lernniveau in einer Klasse ausgerichtet sind, machen in einer Gruppe, in der jedes Kind bewusst sein eigenes Arbeitstempo wählt, natürlich wenig Sinn. Gleichwohl gibt es - bezogen auf die Inhalte des Fachunterrichts - auch schriftliche Leistungskontrollen, ebenso nehmen auch Montessori-Schulen an den üblichen landesweiten Lernstandserhebungen teil.

Anders kann - muss es aber nicht - an Montessori-Schulen unter privater Trägerschaft aussehen. Hier hat der Schulträger eine gewisse Gestaltungsfreiheit bzgl. des pädagogischen Konzepts, zu dem auch Dinge wie Benotung, Hausaufgaben, Lernstandskontrolle etc. gehören. Eine Nachfrage in der betreffenden Schule kann Auskunft über die jeweilige Handhabung geben.


Vorurteil 2: „Montessori-Schüler lernen, was sie wollen und wann sie wollen. Es gibt keine Kontrolle durch den Lehrer“

Richtig ist, dass in Montessori-Schulen die Freiarbeit einen extrem hohen Stellenwert genießt. Und da die Kinder in dieser Lernform ihre sensiblen Phasen ausleben und tatsächlich frei über ihre „Arbeit“ entscheiden können, trifft der erste Teil des Vorurteils in positiver Weise sogar zu. Dennoch: der Lehrer weiß stets über den Lernstand eines jeden Kindes genau Bescheid, da er sich in einer beobachtenden Distanz nah am Lerngeschehen hält. Stellt er fest, dass sich ein Kind allzu lange mit einem bestimmten Thema beschäftigt und andere Bereiche übermäßig stark vernachlässigt, wird er vorsichtig versuchen, dem Kind einen neuen Anreiz zu geben, der das Interesse an einem anderen Material weckt. Auch der Fachunterricht, der ja dazu dient, die Inhalte der Freiarbeit abzurunden und zu ergänzen, bietet eine gute Möglichkeit, sich ein Bild über den jeweiligen Lernstand der Kinder zu machen.

Im Übrigen sind Montessori-Schulen sowohl unter Trägerschaft der Stadt wie auch im Modell der „privaten Ersatzschule“ unter Trägerschaft z.B. eines Elternvereins an das Curriculum des Landes NRW gebunden. Damit sind die Lerninhalte praktisch identisch mit jeder beliebigen Regelschule.

 

Vorurteil 3: „An Montessori-Einrichtungen herrscht das Chaos, weil das Laissez-faire-Prinzip gelebt wird und die Kinder zu viele Freiheiten genießen“

Dass die Kinder in Montessori-Einrichtungen mehr (Lern-)Freiheiten als an Regelschulen genießen, trifft absolut zu, aber nicht die Schlussfolgerung, dass deshalb das Chaos herrscht. Das Gegenteil ist der Fall. Freiheit und Disziplin gehören schon im Kinderhaus und auch in der Grundschule untrennbar zusammen. Indem die Kinder ihre Arbeit frei wählen können und damit ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Lernobjekt ihrer Wahl konzentriert, „polarisiert“ ist, herrscht immer eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Man nimmt Rücksicht auf die anderen und vertieft sich ganz in seine Tätigkeit, an die man sich übrigens bindet, bis sie vollendet ist. Ordnung spielt eine wichtige Rolle und wird auch von den Kleinsten gewissenhaft eingehalten. Der Tagesablauf ist klar strukturiert, so dass auch hier gewisse Vorgaben existieren. Somit kann man sagen: Freiheit ja, um die Selbstentfaltung der Kinder zu ermöglichen, aber nicht in einem chaotischen Durcheinander, sondern in sehr geordneten Bahnen.

 

Vorurteil 4: „Freiarbeit gibt es doch längst auch an Regelschulen, dafür braucht man keine Montessori-Schulen mehr“

Diese Ansicht wird oftmals von Lehrkräften an Regelschulen vertreten, die sich nicht ausreichend mit der Montessori-Pädagogik befasst haben und Freiarbeit isoliert als Lernform missverstehen, in der Kinder schlichtweg zwischen verschiedenen vorgegebenen Aufgaben wählen dürfen. Freiarbeit ist aber sehr viel mehr als das. Sie ist Teil eines komplexen Gesamtkonzepts, in dem das Kind als Baumeister seiner selbst gesehen wird und somit seinen Lernprozess größtenteils selbst bestimmt. Echte Freiarbeit funktioniert außerdem nur dann, wenn zusätzliche Rahmenbedingungen geschaffen sind: das Arbeitsmaterial, der Lehrer bzw. die Lehrerin, die Freiheit der Wahl. Nicht zuletzt muss die so „umrahmte“ Freiarbeit klar den Schwerpunkt im schulischen Alltag bilden, der „normale“ Unterricht dient nur zur Ergänzung.

Da diese Bedingungen an Regelschulen nicht realisiert werden (können), stellen Montessori-Schulen nach wie vor eine pädagogische Besonderheit dar, die nicht so ohne weiteres vom Regelsystem ersetzt werden wird, sondern eher noch mehr Zulauf erwarten kann. Schließlich ist es das Original.

Vorurteil 5: „Montessori-Grundschüler haben Probleme beim Übergang zu einer weiterführenden Regelschule“

Wie die Erfahrungen zeigen, ist dies eine Befürchtung, die sich nicht bestätigen lässt. Im Gegenteil: Montessori-Schüler sind sehr viel besser als Regelschüler in der Lage, sich Lerninhalte selbst zu erarbeiten. Sie haben das Lernen gelernt und sind deshalb nicht so sehr auf die führende Rolle des Lehrers angewiesen wie andere Schüler, die nur Frontalunterricht erlebt haben und nur wenig Eigenverantwortung für ihren Lernprozess übernehmen durften. Ein anderer, nicht unwesentlicher Aspekt: auch Montessori-Schüler haben „normalen“ Unterricht. Gerade um den Kindern diese reguläre Arbeitsform im Klassenverband von Anfang an nahe zu bringen und eventuelle Übergangsschwierigkeiten zu vermeiden, gibt es an Montessori-Schulen stets auch Fach- bzw. Ergänzungsunterricht nach klassischem Muster: oftmals jahrgangsbezogen, nach Fächern sortiert, mit gemeinsamem Arbeiten und Lernen. Diese Unterrichtseinheiten reichen aus, um einen reibungslosen Wechsel an eine Regelschule vollziehen zu können.

Nebenbei: Gerade im fünften Schuljahr macht sich oft ein Wissensvorsprung von Montessori-Schülern gegenüber ihren neuen Mitschülern bemerkbar, so dass die Eingewöhnungszeit von Lerndruck unbelastet bleibt.